Ammar Alhamoud stammt aus Dair Ezzor im Osten von Syrien. Gemeinsam mit seinen Eltern verließ der Mathematiklehrer die umkämpfte Stadt. Ihre Flucht führte zwei Jahre durch verschiedene Städte. „Du musst gehen!“, rieten ihm schließlich die Eltern, die eigentlich mit ihm nach Europa wollten. Doch sie waren nach Dair Ezzor zurückgekehrt und kamen zunächst aus der inzwischen vom IS eingeschlossenen Stadt nicht mehr heraus.
Die gefährlichsten Passagen der Flucht, erinnert er sich, waren die nachts zu Fuß zurückgelegte Strecke bis zur türkischen Grenze und die achtstündige Überfahrt mit 40 Leuten in einem kleinen Boot nach Griechenland. Von dort ging es weiter über Kroatien, Serbien und über Österreich bis nach Deutschland. Eigentlich war Schweden sein Ziel, aber er war von der Flucht so erschöpft und müde, dass er nicht mehr weiterwollte. In Karlsruhe stellte er seinen Asylantrag und lebte dann vier Monate in Mannheim. Diese Zeit bezeichnet er heute als seine „bisher beste Zeit in Deutschland“. Es gab ehrenamtlichen Deutschunterricht; er lernte viele Menschen kennen, machte neue Erfahrungen. Gemeinsam mit einem Freund ging er täglich in eine städtische Bibliothek, um die deutsche Sprache systematisch zu lernen. Dies zahlte sich aus: Innerhalb von neun Monaten schaffte er – inzwischen in Murrhardt in einem Container untergebracht – auf Anhieb nach einem Intensivkurs die TestDaF-Prüfung, die Voraussetzung für ein Hochschulstudium.
In Syrien hatte Ammar Alhamoud nach seinem Mathematikstudium mehrere Jahre als Mathematiklehrer an Gymnasien und Grundschulen gearbeitet. Ein pädagogisches Zusatzstudium konnte er wegen des Krieges nicht abschließen. Seine Bewerbungen an mehreren Hochschulen in Stuttgart, Tübingen und Esslingen für ein Bachelorstudium in Informatik waren erfolgreich. Doch nun stellte sich ein finanzielles Problem: Als Geflüchteter wäre er berechtigt, nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BaföG) unterstützt zu werden. Doch man teilte ihm mit, dass sein Bachelorabschluss in Syrien im Fach Mathematik als Erststudium betrachtet würde und er nicht gefördert werden könne. Und dies, obwohl sein syrischer Abschluss in Deutschland nicht als berufsqualifizierend anerkannt wurde. Inzwischen denkt der 31jährige zweigleisig. Er hat sich für Stipendium an der Hochschule für Technik in Stuttgart beworben. Im Erfolgsfall würde er 300 Euro monatlich und ein kostenloses Zimmer erhalten. Zudem hat er einen Ausbildungsplatz für eine dreijährige Ausbildung zum staatlich geprüften Techniker am Berufskolleg Informatik. Seit seiner Kindheit zählen Informatik, Progammieren und Grafik Design zu seinen Leidenschaften, berichtet er. Aber auch hier stellt sich das Problem der Finanzierung für das erste Jahr. Er tendiert dazu, erst die Ausbildung zu machen, dann zu arbeiten und schließlich den Master in Mathematik zu machen.
„Lernen und auch Lehren macht mir Freude“, sagt er. Um seine Deutschkenntnisse zu verbessern, liest er Bücher in deutscher Sprache. Seit acht Monaten in Ostfildern lebend, übernimmt er Verantwortung: Er arbeitet im Dolmetscher-Pool der Stadt mit und gibt im Rahmen des gemeinsamen Mentoring-Projekts der Bürgerstiftung, des Freundeskreises Asyl und der Stadt einem jungen Gambier Nachhilfe, der eine Ausbildung als Lagerlogistiker absolviert. Ende Juli 2018 hat Ammar Alhamoud einen Youtube-Kanal „Mathe für Araber“ online gestellt, in dem er Mathematikunterricht auf Deutsch anbietet. Mehr dazu unter https://www.youtube.com/channel/UCJ3gqMNlcHMhuULs0o2KMmQ.

Den Tag weiß Mehdi Fallahi genau, an dem er in Deutschland ankam, es war der 18. Januar 2016. Anstrengende, mitunter gefahrvolle Tage und Wochen lagen hinter ihm, anstrengende Monate – anstrengend aber auf andere Weise – lagen vor ihm.
Im Westiran geboren, wuchs er in Teheran auf. Um Flugzeugmechanik zu studieren, musste er einen Auswahltest bestehen, genannt „Konkur“ – wie „Konkurrenz“. Er bestand die harte Prüfung. Anschließend arbeitete er einige Monate im Beruf, dann begannen die Probleme, die, soviel deutet er an, mit den politisch-religiösen Verhältnissen im Iran zu tun haben. Zum Schutz seiner Angehörigen möchte er darauf nicht näher eingehen. Entscheidend für sein Weggehen war: „Ich musste das machen, für mein Leben, um weiter leben zu können“. Deutschland war dabei ausdrücklich nicht sein Ziel. Das war Istanbul. Sein jüngerer Bruder Masoud war schon dort; er war im Besitz eines Reisepasses. Anders als Mehdi, der, auch als Folge seiner politischen Schwierigkeiten, keinen erhielt. Darum zog er zu Fuß los und überquerte im Gebirge bei knietiefem Schnee und Eiseskälte in einer kleinen Gruppe die iranisch-türkische Grenze. „Es war schwer, zwei-, dreimal habe ich den Tod auf meinem Gesicht gesehen“. Er hatte keinerlei Papiere mit, deswegen waren die vielen Kontrollen eine ständige Bedrohung. Einmal hatte er großes Glück: ein Beamter kontrollierte ihn zuerst nach Waffen, die er in seinen Socken vermutete. Tatsächlich trug er dort zu seinem Schutz ein kleines Messer, das er aber kurz vorher nach einem Tipp dort hervorgeholt und in seinem Rucksack verstaut hatte. Bevor der Beamte nach seinen Papieren fragen konnte, wurde dieser weggerufen – und er kam auf Fallahi nicht mehr zurück.
In Istanbul konnte er heimlich eine Nacht beim Bruder im Hostel bleiben. Er suchte nach Arbeit, übernachtete auf der Straße. Er hatte erheblich an Gewicht verloren. Ein Mann sah ihn, sprach ihn an: ob er nach Griechenland wolle. Der Mann, ein Kurde, fand für ihn einen Platz. In Athen bekam er Ersatzpapiere. Erste Station in Deutschland war Bayreuth, weitere Pforzheim, Heidelberg und schließlich Ostfildern. In den ersten Monaten, von Februar 2016 an, bekam er viel Unterstützung von seinem Betreuer Rolf Schank, und er startete mit dem Deutschlernen bei einem ehrenamtlichen Kurs. „Die Leute haben sehr geholfen, waren sehr freundlich, mit einem Lächeln, das war für mich super“ Auch die Verständigung mit anderen Flüchtlingen aus Syrien oder Irak gelang gut, „wir waren zufrieden zusammen“. Belastend war es aber, ohne Privatheit in einem Raum mit 15 Leuten zu schlafen. Im September des Jahres startete sein „ordentlicher“ Unterricht. „Am Anfang sprach ich auch viel Englisch. Ich habe mir nicht vorstellen können, je einen Tag auf deutsch zu sprechen ! Sogar das Zählen von eins bis zehn war schwer!“, erinnert er sich. Die Prüfungen bestand er freilich auf Anhieb. „Ich kann gut lernen. Ich muss nur an einem Kurs teilnehmen. Wenn ich einen Tag vor der Prüfung das Gelernte noch einmal durchlese, genügt das“. Im Integrationskurs machte er sich vertrauter mit dem Leben in Deutschland, mit seiner Geschichte, Politik, Geographie. Inzwischen auch Führerscheinbesitzer, kann er sich etwas Geld als Pizzaausfahrer verdienen, das Geld wird „natürlich“ als Einnahme mit der Hilfe vom Landratsamt verrechnet.
Rolf Schank war nicht der Einzige, der für ihn wichtig war. Auch eine Bekannte vom Krankenhaus sprach sehr viel mit ihm, so hatte er eine dauernde praktische Übung beim Spracherwerb. Die Beschäftigung mit dem christlichen Glauben, der schon im Iran für ihn ein Thema war, vertiefte er hier; inzwischen ist er getauft und aktiv in der örtlichen Kirchengemeinde. Ja, den Iran habe er im Herzen, „ich kann aber ebenso in Deutschland leben und mich integrieren wie jeder andere, der auch hier wohnt. Ich bin froh, hier zu leben“.
Im Moment wartet er noch auf die Ausbildungsanerkennung durch die IHK, würde dann gerne als Flugzeugtechniker arbeiten oder vielleicht auch noch ein Studium aufnehmen, Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart oder Fahrzeugtechnik in Esslingen. Allerdings ist sein Asylverfahren noch nicht abschließend entschieden. Anders als sein Bruder, der auch in Ostfildern lebt, ist er noch nicht anerkannt. Unterstützt vom Rechtsanwalt, klagte er gegen die ablehnende Verfügung und hofft auf einen positiven Ausgang.

In Pakistan kümmert man sich nicht so um alte Menschen wie in Deutschland. Altenheime gibt es kaum. „Vielleicht kann ich später einmal dazu beitragen, in meinem Heimatort Rahim Yar Khan nahe der indischen Grenze ein Haus für alte Menschen aufzubauen“, sagt Azhar Mohammed. Der 27jährige erlernt seit Oktober 2016 im Samariterstift im Nachbarschaftshaus im Scharnhauser Park den Beruf des Altenpflegers. „Die Arbeit macht mir Freude; die Leute sind sehr aufgeschlossen“, erzählt er. Gemeinsam mit erfahrenen Kollegen betreut er 30 Menschen und macht auch Hausbesuche. Parallel dazu besucht er die Altenpflegeschule Leben&Wohnen in Vaihingen.

Eigentlich ist er Industrieelektroniker. In diesem Beruf hat er einige Jahre in Lahore gearbeitet, bis er sich auf den Weg nach Libyen machte. „Die drei Monate dort waren schwierig“, erzählt er. Versprechungen über Arbeitsmöglichkeiten erwiesen sich als falsch. So verdiente er Geld an einer Tankstelle in Misrata; immer wieder gab es Raubüberfälle. Schließlich entschloss er sich, den gefährlichen Weg mit dem Boot nach Europa zu wagen. „Eigentlich hatte ich keine Ahnung von Europa und Deutschland, nur ein wenig über Fußball“, berichtet er. Schließlich kam er nach Stationen in Mannheim und Karlsruhe im November 2015 nach Ostfildern.

Dort lernte er seinen Mentor Marco Wendel kennen und nutzte mit Unterstützung von Sonja Neubrand die DATwifibox, um Deutsch zu lernen. Die Idee mit der Ausbildung als Altenpfleger gab ihm ein Freund. „Die Sprache lernen, die Gesetze achten und dann die Ausbildung beginnen, lautete sein Rat“, erzählt Azhar.

Inzwischen fühlt er sich gut angekommen. „Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit, haben immer ein Lächeln“, betont er; auch die Toleranz für die verschiedenen Religionen gefällt ihm gut. Allerdings gab es auch den einen oder anderen Kulturschock. So hatte er anfangs Schwierigkeiten mit der Freizügigkeit, mit der Paare sich in der Öffentlichkeit küssen und er wundert sich noch heute darüber, wie rasch Ehepaare sich wieder trennen. Über ein Erlebnis muss er heute selbst schmunzeln. Er wollte – damals konnte er noch nicht viel Deutsch – eine Geburtstagskarte für einen Freund kaufen. Seine Wahl fiel auf eine Karte mit weißen Blumen. Er zahlte und ging. Zum Glück hatte die Verkäuferin bemerkt, dass da etwas nicht passte. Sie rief ihn zurück und erklärte ihm, dass er gerade eine Trauerkarte gekauft hatte…

EnayatullahSupahi-2000Ich möchte gerne mein Studium in Deutschland fortsetzen“, sagt Enayatullah Supahi in perfektem Englisch. Ein Jahr hat er in Indien Informatik studiert, dann Betriebswirtschaft und die Landessprache Dari an der Universität Kabul und war als Mitglied des nationalen Taekwando-Teams sportlich erfolgreich. „Doch auch Kabul ist nicht mehr sicher“, erzählt er. 45 Tage war der 21-Jährige Afghane nach Deutschland unterwegs. Hier wurde er von einer Unterkunft in die andere verlegt: Er war in Schweinfurt, Karlsruhe, Aachen, Heidelberg und ist seit Ende November 2015 nun in der Blumenhalle. Nachdem anfängliche Probleme gelöst werden konnten, fühlt er sich dort sehr wohl. „Ich bin froh, hier zu sein“, betont er, „die Menschen sind alle sehr freundlich und helfen uns“. Besonders freut er sich über neue Freundschaften wie mit Johanna Steidle. Auch er hilft: Er dolmetscht in seiner Heimatsprache Dari im Stadthaus oder bei Arztbesuchen und bringt einer Gruppe von acht Analphabeten aus der Blumenhalle Lesen und Schreiben bei. Er selbst profitiert vom ehrenamtlichen Deutschunterricht und hebt hervor, die Helfer des Freundeskreises und die Nachbarn seine „wie eine Familie“. Ein besonders Lob hat er für Marcela Ulloa, die gemeinsam mit Malte Eckert die Blumenhalle koordiniert: „Sie ist wie eine Mutter für uns!“

Ich will in Deutschland so leben wie in Syrien, bevor der Krieg kam“, sagt Sipan Mohammad, der seit Mitte Februar 2015 in Ostfildern lebt.

Sipan„Ich möchte studieren“, betont er in fast akzentfreiem Deutsch. Der 19-jährige Syrer hätte in Aleppo noch ein halbes Jahr bis zur Hochschulreife gehabt, als seine Eltern ihn in das etwa 60 Kilometer entfernte Afrin zurückriefen. In Aleppo war es zu gefährlich geworden. Doch auch in Afrin konnte er nicht bleiben. Über ein halbes Jahr war er über die Türkei, Griechenland und die Ostbalkanroute auf der Flucht, über weite Strecken zu Fuß. In Ungarn wurde er gezwungen, seinen Fingerabdruck abzugeben. Dies macht ihm heute – obwohl die so genannte Dublin-Regelung ausgesetzt ist – Probleme: Er war von der Abschiebung bedroht und erhält nur befristete Duldungen. Doch er besucht die Friedrich-Ebert-Berufsschule in Esslingen; nach dem Abschluss dort sind es noch zwei Jahre bis zum Abitur. Sipan Mohammad spricht neben Arabisch auch Kurdisch, Türkisch und Englisch, verbessert sein Deutsch und er ist ein begabter Musiker, ob an der Gitarre oder am Klavier. Der junge Mann wird – vorausgesetzt er wird als Flüchtling anerkannt – seinen Weg in Deutschland machen.

Bericht in der Stadtrundschau Ostfildern vom 8.10.2015  –> lesen

Bericht in der Stadtrundschau Ostfildern vom 22.10.2015  –> lesen