In Pakistan kümmert man sich nicht so um alte Menschen wie in Deutschland. Altenheime gibt es kaum. „Vielleicht kann ich später einmal dazu beitragen, in meinem Heimatort Rahim Yar Khan nahe der indischen Grenze ein Haus für alte Menschen aufzubauen“, sagt Azhar Mohammed. Der 27jährige erlernt seit Oktober 2016 im Samariterstift im Nachbarschaftshaus im Scharnhauser Park den Beruf des Altenpflegers. „Die Arbeit macht mir Freude; die Leute sind sehr aufgeschlossen“, erzählt er. Gemeinsam mit erfahrenen Kollegen betreut er 30 Menschen und macht auch Hausbesuche. Parallel dazu besucht er die Altenpflegeschule Leben&Wohnen in Vaihingen.

Eigentlich ist er Industrieelektroniker. In diesem Beruf hat er einige Jahre in Lahore gearbeitet, bis er sich auf den Weg nach Libyen machte. „Die drei Monate dort waren schwierig“, erzählt er. Versprechungen über Arbeitsmöglichkeiten erwiesen sich als falsch. So verdiente er Geld an einer Tankstelle in Misrata; immer wieder gab es Raubüberfälle. Schließlich entschloss er sich, den gefährlichen Weg mit dem Boot nach Europa zu wagen. „Eigentlich hatte ich keine Ahnung von Europa und Deutschland, nur ein wenig über Fußball“, berichtet er. Schließlich kam er nach Stationen in Mannheim und Karlsruhe im November 2015 nach Ostfildern.

Dort lernte er seinen Mentor Marco Wendel kennen und nutzte mit Unterstützung von Sonja Neubrand die DATwifibox, um Deutsch zu lernen. Die Idee mit der Ausbildung als Altenpfleger gab ihm ein Freund. „Die Sprache lernen, die Gesetze achten und dann die Ausbildung beginnen, lautete sein Rat“, erzählt Azhar.

Inzwischen fühlt er sich gut angekommen. „Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit, haben immer ein Lächeln“, betont er; auch die Toleranz für die verschiedenen Religionen gefällt ihm gut. Allerdings gab es auch den einen oder anderen Kulturschock. So hatte er anfangs Schwierigkeiten mit der Freizügigkeit, mit der Paare sich in der Öffentlichkeit küssen und er wundert sich noch heute darüber, wie rasch Ehepaare sich wieder trennen. Über ein Erlebnis muss er heute selbst schmunzeln. Er wollte – damals konnte er noch nicht viel Deutsch – eine Geburtstagskarte für einen Freund kaufen. Seine Wahl fiel auf eine Karte mit weißen Blumen. Er zahlte und ging. Zum Glück hatte die Verkäuferin bemerkt, dass da etwas nicht passte. Sie rief ihn zurück und erklärte ihm, dass er gerade eine Trauerkarte gekauft hatte…

EnayatullahSupahi-2000Ich möchte gerne mein Studium in Deutschland fortsetzen“, sagt Enayatullah Supahi in perfektem Englisch. Ein Jahr hat er in Indien Informatik studiert, dann Betriebswirtschaft und die Landessprache Dari an der Universität Kabul und war als Mitglied des nationalen Taekwando-Teams sportlich erfolgreich. „Doch auch Kabul ist nicht mehr sicher“, erzählt er. 45 Tage war der 21-Jährige Afghane nach Deutschland unterwegs. Hier wurde er von einer Unterkunft in die andere verlegt: Er war in Schweinfurt, Karlsruhe, Aachen, Heidelberg und ist seit Ende November 2015 nun in der Blumenhalle. Nachdem anfängliche Probleme gelöst werden konnten, fühlt er sich dort sehr wohl. „Ich bin froh, hier zu sein“, betont er, „die Menschen sind alle sehr freundlich und helfen uns“. Besonders freut er sich über neue Freundschaften wie mit Johanna Steidle. Auch er hilft: Er dolmetscht in seiner Heimatsprache Dari im Stadthaus oder bei Arztbesuchen und bringt einer Gruppe von acht Analphabeten aus der Blumenhalle Lesen und Schreiben bei. Er selbst profitiert vom ehrenamtlichen Deutschunterricht und hebt hervor, die Helfer des Freundeskreises und die Nachbarn seine „wie eine Familie“. Ein besonders Lob hat er für Marcela Ulloa, die gemeinsam mit Malte Eckert die Blumenhalle koordiniert: „Sie ist wie eine Mutter für uns!“

Ich will in Deutschland so leben wie in Syrien, bevor der Krieg kam“, sagt Sipan Mohammad, der seit Mitte Februar 2015 in Ostfildern lebt.

Sipan„Ich möchte studieren“, betont er in fast akzentfreiem Deutsch. Der 19-jährige Syrer hätte in Aleppo noch ein halbes Jahr bis zur Hochschulreife gehabt, als seine Eltern ihn in das etwa 60 Kilometer entfernte Afrin zurückriefen. In Aleppo war es zu gefährlich geworden. Doch auch in Afrin konnte er nicht bleiben. Über ein halbes Jahr war er über die Türkei, Griechenland und die Ostbalkanroute auf der Flucht, über weite Strecken zu Fuß. In Ungarn wurde er gezwungen, seinen Fingerabdruck abzugeben. Dies macht ihm heute – obwohl die so genannte Dublin-Regelung ausgesetzt ist – Probleme: Er war von der Abschiebung bedroht und erhält nur befristete Duldungen. Doch er besucht die Friedrich-Ebert-Berufsschule in Esslingen; nach dem Abschluss dort sind es noch zwei Jahre bis zum Abitur. Sipan Mohammad spricht neben Arabisch auch Kurdisch, Türkisch und Englisch, verbessert sein Deutsch und er ist ein begabter Musiker, ob an der Gitarre oder am Klavier. Der junge Mann wird – vorausgesetzt er wird als Flüchtling anerkannt – seinen Weg in Deutschland machen.

Bericht in der Stadtrundschau Ostfildern vom 8.10.2015  –> lesen

Bericht in der Stadtrundschau Ostfildern vom 22.10.2015  –> lesen